Dienstag, 20. Juni 2017

Dear Diary... {Lifeupdate} - 1 Jahr nach der Diagnose

Ihr Lieben,
ich dachte mir, jetzt, fast ein Jahr später, schreibe ich ein kleines Update, wie es uns und vor allem meinem Papa geht. Der Tag, gegen Ende Juli, war definitiv der schlimmste Tag meines Lebens. Die Heimfahrt aus Hamburg noch mit dem Gedanken, dass er vielleicht "nur" ohnmächtig wurde, weil es an dem Tag so warm war und er vielleicht Kreislaufprobleme hatte, erschien mir damals endlos. Dann kam das Zittern und Warten beim Ankommen im Krankenhaus, da uns niemand etwas Genaues sagen konnte. Es vergingen Stunden, wo viele Tests gemacht wurden, wir alle Angst hatten aber nur warten konnten. Danach wurde mein Papa für die Nacht auf die Intensivstation aufgenommen und wer selbst mal in so einer Situation war, weiß wie schlimm sich das im ersten Augenblick anhört. Und das Schlimmste war, dass wir danach einfach nachhause fahren mussten, meinen Papa mit seinen Ängsten, auch wenn er sie nicht nach außen gezeigt hat, alleine zu lassen und eine Idee, was überhaupt los ist. Auf dem Weg nachhause weiß ich noch, wie ich einfach nur aus dem Fenster geschaut habe und mir tausend Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Ich hatte zwischendurch im Krankenhaus nur aufschnappen können, dass es kein normaler Ohnmachtsanfall war (sonst wäre er wohl auch nicht direkt auf die Intensivstation gekommen), sondern ein Krampfanfall und natürlich malte ich mir schlimme Sachen aus wie eine Hirnhautentzündung oder ähnliches. Dass es ein Tumor sein könnte, daran habe ich nicht einmal gedacht. Die nächsten Tage vergingen ereignislos, wir waren von früh bis spät im Krankenhaus und auch wenn mein Papa nach einer Nacht auf der Intensivstation wieder auf die "normale" Station verlegt wurde, ließ das Gefühl der Ungewissheit und Angst nicht nach. Es wurden weitere Tests gemacht, CTs, MRTs und so weiter und so fort. Irgendwann, gefühlt nach einer Ewigkeit kam dann auf einmal das Thema Tumor auf den Tisch, was mir erst einmal den Boden unter den Füßen wegzog. Ich glaube es hat mich so schockiert, weil ich mich nie mit dem Thema Krebs auseinandersetzen musste. Keiner aus meiner Familie oder meinen Freunden hat/hatte Krebs, für mich war das eine Krankheit, die so schlimm ist, dass ich mir nicht einmal im schlimmsten Albtraum ausgemalt habe, dass es jemanden treffen könnte, den ich liebe. Wir versuchten trotzdem alle stark zu sein, noch war ja auch nichts sicher. Es folgte die Biopsie, also eine Gewebeprobeentnahme, zwei Wochen nach der Aufnahme im Krankenhaus. Die Ärzte bezeichneten den Eingriff eher als Routine aber Operationen am Gehirn sind natürlich nie ohne und als es ihm danach schnell wieder besser ging, konnten wir erst einmal wieder aufatmen. Allerdings fing jetzt wieder das hoffen und bangen an, die Ärzte machten uns sogar etwas Hoffnung und meinten, beim Eingriff sah es aus wie "nur" eine Zyste. Die nächste Woche verstrich. Lukas hat sich in der Zeit übrigens mehr als rührend um mich gekümmert - er hat uns morgens in Krankenhaus gefahren, sich immer darum gekümmert, dass ich was zu essen hatte und mir abends nach einem langen Tag ein heißes Bad eingelassen, mich mit Disneyfilmen versorgt und mich getröstet. Ohne ihn hätte ich das definitiv nicht überstanden, denn meine Mama war selbst ein totales Nervenbündel, musste weiter arbeiten gehen, den Krankenhausalltag bewältigen und war glaube ich ganz froh, dass Lukas sich so gut gekümmert hat. 
Und dann kam der Anruf, an einem Morgen, an den ich mich noch ganz genau erinnern kann. Davor habe ich so viel und so oft geweint aber während des Gespräches war ich so ruhig und gefasst, als die behandelnde Ärztin mir sagte, es gäbe schlechte Nachrichten, habe ich nur gemerkt, wie mein Herz zersplittert ist. Sie sagte etwas von sehr bösartigem Tumor aber da habe ich gar nicht mehr richtig zuhören können, ich war irgendwie ganz weit weg, ich konnte in dem Augenblick nicht einmal weinen, ich glaube es war der Schock. Es war irgendwie wie in einem Film, als würde es nicht mir passieren, sondern jemand anderem und ich würde zusehen. Die Tage danach waren ganz, ganz schlimm. Die ganze Hoffnung war wie weggeblasen, es war vorher unausgesprochen, weil wir alle so sehr Angst davor hatten aber jetzt stand die Frage unausweichlich im Raum - "Was jetzt?" Es wurde direkt eine Strahlentheraphie angesetzt und danach eine Chemo, beides vertrug er soweit gut, es gab schlechte und es gab gute Tage. Schlechte waren, wenn er kaum aufstehen konnte, weil er so kaputt war und seine Kopfschmerzen ihn plagten, gute, wenn er mit uns eine Runde spazieren gehen konnte, wir zusammen lachten und ihm nicht alles weh tat. Und so schlimm gerade die erste Zeit auch war, die guten Tage überwiegten.
Seitdem ist viel passiert - vor ein paar Monaten gab es eine weitere OP, die Therapien schlugen zwar an aber zur Sicherheit haben sie den Tumor doch entfernt und auch diese Operation verlief ohne Komplikationen, er konnte rückstandslos entfernt werden. Ich dachte danach können wir erst einmal aufatmen, damals sah alles so viel schlimmer aus und Monate vergingen, während es ihm den Umständen entsprechend immer noch gut ging. Bis  zu dem Dienstag vor einer Woche, als mein Papa mich nach einem Termin im Krankenhaus anrief und ich wusste, dass es keine guten Nachrichten gab. Bei der letzten Untersuchen konnte man feststellen, dass zwei, immerhin sehr kleine, Tumore zurück (?) gekehrt/neu gewachsen sind. Das war wie ein Schlag ins Gesicht, das war auch das erste Mal seit langem (genauer gesagt seit diesem Post hier), dass ich geweint habe. Es ist einfach so unfair, dass ihm/uns nicht ausreichend Zeit gegeben wird mal durchzuatmen. Es ist verdammt nochmal NICHT fair. Das ist es aber nie oder? Mein Papa ist ein herzensguter Mensch, wirklich, ich kenne kaum jemanden, der so ein großes Herz hat und immer erst an andere denkt...Man ist nie bereit dazu, seine Eltern vielleicht gehen lassen zu müssen aber erst recht nicht, wenn man noch so jung ist. Natürlich bin ich mehr als dankbar für die 22 Jahre, die ich bisher mit ihm verbringen durfte, nicht alle haben so viel Zeit aber es ist dennoch nicht genug. An den meisten Tagen versuche ich nicht daran zu denken aber an schlechten Tagen ist das einfacher gesagt als getan.
 Ich habe mich übrigens nie getraut die Ärzte zu fragen, wie lange die Lebensdiagnose ist, wenn man es googelt was ich euch nicht empfehle, sieht es ziemlich schlecht aus, da mein Papa auch noch den bösartigsten Tumor hat und solange sie nicht sagen, dass sie nichts mehr tun können, hoffe ich nach wie vor auf ein Wunder. Wie ihr seht ist es die reinste Gefühlsachterbahn - ich leide mit, wenn es ihm schlecht geht, ich bin wütend, dass es ihn getroffen hat, ich fühle mich machtlos, bin glücklich, wenn wir für ein paar Momente vergessen, dass nicht alles ok ist, dankbar, dass er die Therapien so gut verträgt, traurig, wenn ich daran denke, wie unbeschwert alles vorher war. Aber eins bleibt immer gleich - die Angst ist seitdem mein ständiger Begleiter. Wenn ich die Sirene eines Krankenwagens höre, muss ich immer daran denken, dass der hoffentlich nicht für meinen Papa ist. Wenn er einen Termin im Krankenhaus hat, habe ich immer Angst zu hören, dass sie vielleicht nichts mehr für ihn tun können. Seitdem habe ich auch selber irgendwie totale Panik Krebs zu haben/selbst mal Krebs zu bekommen, muss ich gestehen...Aber irgendwie lernt man damit zu leben. Damals hätte ich selbst nie gedacht, dass es nochmal so etwas wie einen normalen Alltag geben könnte aber auch das pendelt sich wieder ein, zwischen den endlosen Arztbesuchen, Gängen zu diversen Behörden und allem, was dazu gehört, ich kann euch sagen, dass ein Funken Hoffnung bleibt und man es so durch den Alltag schafft. Mit tollen, gemütlichen Mädelsabenden oder auch nur eine Stunde auf einen Kaffee zusammen, Nachmittage, an denen wir als Familie zusammen sitzen oder etwas spielen, Lukas, der mir mein Lieblingseis mit nachhause bringt und dazu ein paar Folgen Pretty little liars mit mir guckt - mit den richtigen Menschen, die dich unterstützen und für dich da sind, geht es mir jetzt, fast ein Jahr später deutlich besser.

Warum ich euch das alles schreibe? Um euch vielleicht etwas Mut zu machen. Wer selbst betroffen ist, fühlt sich erstmal von allem total überwältigt und fragt sich wie es weiter gehen soll, wie ich es auch selbst so oft getan habe. Aber lasst euch sagen, dass es weitergeht. Es werden wieder Tage kommen, an dem man kaum noch daran denkt, Momente, wo sich alles anfühlt wie früher, als die Krankheit noch nicht da war. Es ist nur ganz wichtig, dass man all diese Gefühle nicht unterdrückt, ich bin ja sowieso ein total emotionaler Mensch und bin ständig am Weinen und so viel wie in den ersten Monaten habe ich in meinem ganzen Leben nicht geweint aber das war zumindest für mich auch richtig so. Scheut euch auch nicht davor professionelle Hilfe zu suchen/holen, falls ihr das Gefühl habt, damit nicht alleine fertig zu werden. Damals hatte ich auch überlegt, gerade anfangs, wo einem alles schnell zu viel wird und ich denke auch heute noch darüber nach, um ehrlich zu sein. Momentan bin ich allerdings noch relativ gefasst und es geht mit den Umständen entsprechend ganz gut. Ich kann euch jedenfalls wirklich nur ans Herz legen - genießt die schönen Momente - die Spaziergänge mit eurem Hund, die Treffen im Cafe mit euren Mädels, Besuche am Wochenende zuhause bei den Eltern, das Serien gucken mit eurem Freund/eurer Freundin. Man nimmt so vieles für selbstverständlich, auch ich habe das getan, aber das ist es nicht. Wenn ich etwas daraus gelernt habe, dann, dass man die Zeit mit seinen Liebsten schätzen sollte.
Ihr Lieben, das war es für heute erst einmal mit dem kleinen Update von mir, ich melde mich bald wieder mit einem neuen Post. Bis dahin - genießt das schöne Wetter und versucht euch meine letzten Sätze aus diesem Post zu Herzen zu nehmen :-) 





Kommentare:

  1. Liebe Nhi,
    ich bin normalerweise eine stille Mitleserin jedoch muss ich dir jetzt einmal sagen, wie toll ich es finde, dass du diesen doch sehr privaten Beitrag mit uns teilst und somit anderen Kraft und Mut gibst! Das beweist sehr viel Stärke und ist auch sicherlich nicht einfach für dich. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Hoffnung und deinem Papa natürlich nur das beste!
    Liebste Grüße an dich :)

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    1. Hallo du Liebe :) Danke erstmal, dass du mir als eher stille Mitleserin schreibst, es ist immer schön zu lesen, wer denn eigentlich so meinen Blog verfolgt :)
      Es ist mir nicht einfach gefallen den Post zu verfassen aber für alle, denen es ähnlich geht, wollte ich zeigen, dass es auch wieder bessere Zeiten geben wird & man damit nicht alleine ist.
      Danke für deine liebevollen Worte, das ist wirklich süß von dir! ♥
      Liebe Grüße an dich zurück & tut mir leid, dass ich erst jetzt antworte, ich brauchte erstmal etwas Abstand davon. :)♥

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  2. Hallo liebe Nhi!

    Schön, dass du uns ein Update gibst! Ich habe mich schon gefragt wie es deinem Papa geht (schon seltsam, dabei kenne ich ja weder dich noch ihn persönlich). Danke, dass du diese schwierige Zeit in deinem Leben mit uns teilst - es wird dir bestimmt nicht leicht gefallen sein, das zu verschriftlichen!
    Ich kenne deine Ängste bzgl. Krebs, innerhalb kurzer Zeit ist mein Onkel an Krebs gestorben und auch meine Oma hatte Krebs, ist nach einer Chemo jetzt aber (erstmal) tumorfrei. Es ist schwer, das Thema 'Krebs' mal beseite zu schieben, da es so präsent ist - aber du hast Recht, es ist so wichtig, sich auch auf die schönen Dinge zu konzentrieren! Sonst hält man das vermutlich gar nicht aus..
    Ich finde es toll, wie sehr ihr alle (Familie und Freunde) zusammenhaltet und es ist schön zu sehen, wie sehr vor allem Lukas dir eine Stütze ist!
    Wisse, dass es da draußen Menschen gibt, die an euch denken und euch nur das Beste wünschen!

    Fühl dich umarmt <3
    Nadine

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    1. Hey liebe Nadine ♥
      es ist irgendwie ein total schönes Gefühl, dass jemand an uns/mich denkt, danke erstmal dafür! <3 Es war wirklich nicht einfach den Text zu verfassen/veröffentlichen aber sollte es auch nur einem irgendwie helfen, hat es sich für mich schon "gelohnt" :)
      Und mein aufrichtiges Beileid für deinen Verlust! Das tut mir unheimlich leid :( Krebns ist so ein Arschloch..
      Ich freue mich aber, dass es deiner Oma momentan gut geht, ich hoffe & drücke ganz doll die Daumen,dass es so bleibt! ♥ Und ja, das ist es leider wirklich nicht einfach an manchen Tagen aber mit guter Unterstützung wird es auch gute Tage geben :) Ja, das ist er wirklich, ich wüsste gar nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte/machen würde..
      Das ist wirklich unheimlich lieb von dir, liebe Nadine ♥ Ich wünsche dir, deiner Oma & Familie alles erdenklich Gute & dass ihr noch ganz ganz viel Zeit zusammen habt! :)
      Fühl dich zurück gedrückt! ♥

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  3. Liebste Nhi,
    du bist so eine starke und lebensfrohe Frau. Bitte höre niemals auf zu Glauben und zu Hoffen.
    Viele in meiner Familie sind an Krebs erkrankt oder erlagen ihm ganz. Aber dein Text macht mir dennoch Mut. Bitte sei weiterhin so stark für deine Familie. Ich bete für deinen Papa und deine Familie, dass es bergauf gehen mag. Ich bin in Gedanken bei dir und deiner Familie, fühle dich fest gedrückt.

    Deine Saskia

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    1. Liebe Saskia,
      danke für deine lieben Worte, das tut so gut zu hören ♥ Und mir tut es so leid, von deinen Verlusten zu hören :( Bisher hatte ich ja noch "Glück" was Krankheiten in meiner Familie betrifft, im Gegensatz zu dir und vielen anderen, bei denen Krebs leider schon öfter der Fall war :( Das werde ich du Liebe, ich muss! Danke, dass du so etwas Persönliches mit mir teilst, das bedeutet mir viel! ♥
      Fühl du dich ebenfalls zurück umarmt! ♥

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  4. Wirklich starke Worte !
    Es tut mir wirklich unendlich Leid was du grade durchmachen muss und was deine Familie durchmachen muss. Ich kann das sehr gut nachvollziehen und weiß, wie du dich fühlen musst, weil ich genau dassselbe durchmache/durchgemacht habe. Sowas ist nicht leicht und irgendwie muss das Leben ja weitergehen.

    Ich wünsche dir und deiner Familie alle Gute und bin in Gedanken bei deinem Papa.
    Fühl dich gedrückt

    Liebe Grüße
    Annika

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    1. Hey Annika,
      ja du hast Recht, es muss irgendwie weitergehen..und es tut mir weh zu hören, dass es dir/anderen genauso ergeht/ergangen ist. Es macht einen kaputt. Danke also für deine lieben Worte, ich umarme dich zurück! ♥

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  5. Ich finde es toll, wie offen du darüber schreibst und glaube, du verarbeitest das genau richtig:)
    ich lese schon länger in deinem Blog mit und hab mich wirklich erschrocken, als du erstes mal von deinem Papa erzählt hast...dabei kenne ich euch ja gar nicht, aber so etwas geht einem einfach immer nah.

    Ich hab das Glück, dass ich wirklich niemanden kenne der Krebs hat/hatte und hoffe das wird auch immer so bleiben, denn ich würde auch am liebsten immer in meiner heilen schönen Welt bleiben :(
    Man weiß ja leider immer erst rückblickend zu schätzen was man hat.

    Hoffentlich schaffst du es trotzdem deine glückliche Art zu behalten und lässt dich nicht zu oft davon unterkriegen und lass dir erst recht nicht deine schönen Momente kaputt machen!


    Küsschen ♥

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